DNA-Analyse - eine spannende Sache

Ja, ich weiß, Gentests sind eine umstrittene Angelegenheit. Trotzdem habe ich mich zu diesem Abenteuer entschlossen und bin über das Resultat mehr als erstaunt.

 

Hintergrund: Vor fast 40 Jahren gab mir eine meiner Tanten, nicht lange vor ihrem plötzlichen Tod, ein altes Buch mit Aufzeichnungen über die Vorfahren unserer Familie. Mit Namen, Daten und Informationen über eine ganze Reihe von Ahnen, angefangen von meinen Großeltern väterlicherseits, bis fast 200 Jahre zurück. Jahrzehnte später fütterte ich diese Daten in eine Internet-Ahnendatenbank ein. Dies ist interessant, denn auf diesem Weg werden die Eintragungen mit denen anderer User verglichen und man erhält mit etwas Glück weitere Informationen aus deren Ahnenforschung zum Abgleich.

 

So hatte ich relativ schnell Wissen über weitere Vorfahren. Geburts- und Sterbedaten zum Beispiel, Informationen auch über Wohnorte und Berufe. Gleiches tat ich mit den Infos aus der mütterlichen Linie; entsprechende Dokumente hatte ich nach dem Tod meiner Oma geerbt. Ein Teil meiner Vorfahren aus dieser Linie waren fahrende Musikanten, Gaukler und Zirkusleute, da gab es nur Daten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein anderer Teil stammt aus Helmond in Nord-Brabant und dort aus dem gräflichen Schloss (nachdem Grafentochter Agnes sich mit einem Bürgerlichen namens Hendrik Beckers vermählt hatte, den Nachnamen Beckers trug noch meine Oma). Agnes' Vorfahren  in mütterlicher Linie stammen  aus dem Haus v. Hengebach in Heimbach/Eifel und von dort gibt es eine direkte Linie zurück bis ins ganz frühe Mittelalter. Mit einigen Heiligen auf der Liste (Unter anderem den Schutzheiligen der Bierbrauer und die Heilige der Katzen, ja, die gibt es, - und das finde ich sympathisch). Die v. Hengebachs führen ihre Abstammung per Stammbaum auf die Merowingerkönige zurück. Auch das gefällt mir, wobei ich aber eine Neigung zum Romantisieren habe und dieses Thema gerne verkläre.

 

Das hat auch damit zu tun, dass schon mein Urgroßvater Peter Beckers diesbezüglich geforscht hat und Anfang des 20. Jahrhunderts in direktem Austausch mit einer Rosenkreuzergemeinschaft stand, die wiederum Dokumente aus Südfrankreich besaß (Rennes-le-Chateau, König Dagobert, Katharer, Tempelritter, Gralslegenden). Meine lebhafte Fantasie freute sich sehr, als meine Mutter mir eines Tages davon erzählte. Leider hat meine Uroma sämtliche einst vorhandenen Schriftstücke verbrannt. Ich hätte sie heute gerne, klar. Aber immerhin hat es, was die Gralsforschung betrifft, zum Buch "Der Heilige Gral" gereicht. Wobei mein Bruder Jörg und ich als Autoren absichtlich nichts Eigenfamiliäres haben einfließen lassen.

 

Ende des vergangenen Jahres entschied ich mich, nach reiflicher Überlegung, für einen DNA-Test, von dem es heißt, dass er genau aufschlüsseln könne, aus welcher Region dieses Planeten die Vorfahren eines Menschen stammen. Natürlich hatte ich Bedenken, aber die Neugier siegt bei mir immer. Inzwischen liegt das Resultat vor. Mit dem Ergebnis werden einem auch Namen und Stammbäume von Menschen geschickt, mit denen man DNA teilt, quasi Vettern und Cousinen zumeist dritten bis fünften Grades.  In meinem Fall sind es bislang knapp 900 Personen, verteilt auf Europa, die USA und Kanada, Australien und Neuseeland. Manche tragen beispielsweise den Mädchennamen meiner Mutter als Nachnamen oder leben heute noch in dem Ort, aus denen meine Urgroßeltern mütterlicherseits einst nach Mönchengladbach übersiedelten. Viele sind in den USA (die Krämers sind um 1850 im Rudel aus der Pfalz nach Amerika ausgewandert). Nicht wenige auch in Norwegen, Dänemark, Schweden und Island (meine datenmäßig greifbaren Vorfahren aus der Normandie und dem Languedoc tragen einen skandinavischen Nachnamen; auch hatte ich eine isländische Uroma). Eine große Zahl verteilt sich auf die Beneluxländer, auf Deutschland und Frankreich. All dies ist plausibel. Ich weiß, dass einige meiner direkten Vorfahren zur See gefahren sind (aus Südfrankreich, aus der Normandie und von der niederländischen Insel Walcheren aus).

 

Ich habe aber auch merkwürdige Sachen in der DNA, die ich selbst nicht einordnen kann. Vorderer Orient? Als Teil der Erbmasse genau zu bezeichnen, für mich aber schwer einzuordnen. Und ein Stückchen Westafrika. Nun ist meine Haut recht hell, ich bin blauäugig und war als Kind hellblond. Hhhmm ... . In meiner Fantasie erscheint plötzlich ein französischer Seefahrer aus Marseille, der sich eine farbige Liebe aus Afrika nach Hause mitgenommen hat, oder eine arabische Tänzerin, die bei meinen blaßhäutigen Gauklerahnen zum Klang der Laute ums Lagerfeuer schwingt ... Wer weiß, erfahren werde ich wohl nie etwas Konkretes. Was mir aber sehr bewusst geworden ist: In früheren Jahrhunderten muss die Menschheit sehr mobil gewesen sein. Völker haben sich vermischt. Heute nachweisbare Verwandtschaften sind über den ganzen Globus verteilt. Vermutlich sind wir alle, egal ob in der Großstadt oder auf dem kleinen Dorf, ein Mix aus den verschiedensten Nationalitäten und "Rassen". Die Welt ist bunt. Und das ist gut so.

 

Nachtrag: Die Westafrika-Gene sind identifiziert. Sie stammen indirekt aus Island. Dorthin gelangt sind sie über den Umweg St. Croix (Karibik) und Dänemark. Hans Jonatan (1784 bis 1827) hieß der erste dunkelhäutige Mensch, der nachweislich in Island gelebt hat. Seine Mutter namens Emilia Regina stammte aus der Region Benin, Nigeria, Kamerun. Er war als Sklave geboren, gehörte einer dänischen Familie, die ihn mit nach Kopenhagen nahm. Als man ihn zurück nach St. Croix schicken wollte, meldete er sich freiwillig zum Militär und wanderte später nach Island aus. Dort gründete er eine Familie und wurde Hafenmeister. Heute leben in Skandinavien und Festlandeuropa sowie in den USA zwischen 800 und 900 Nachkommen von ihm und seiner isländischen Frau. Seine Urenkelin heiratete meinen Urgroßvater.