DNA-Analyse - eine spannende Sache

Warum ich mich Anfang des Jahres für einen DNA-Abstammungstest entschieden habe? Natürlich war ich skeptisch, wer gibt schon gerne so etwas Persönliches wie Informationen über sein Erbgut Menschen preis, die er gar nicht kennt. Dennoch hab ich es gemacht. Ich wollte auf diesem Wege mir bis dato Unbekannte finden, die mit mir Erbgut aus einer speziellen familiären Linie teilen, denn in dieser Linie wird seit Generationen eine erbliche Fehlbildung innerhalb der Knochenstruktur weitergegeben, die bei einigen Familienangehörigen, als man sie entdeckte, Stress verursachte. Und dies wollte ich verhindern, in dem ich potenzielle Träger dieser DNA-Information im Vorfeld aufkläre. Tatsächlich ist mir dies auch gelungen.

 

Als Draufgabe der Analyse (das ausführende Institut sendet einem Informationen wie Namen und, falls vorhanden, Zugang zu ganzen Stammbäumen von Menschen, die diesen Test auch beim gleichen Institut haben machen lassen) erhält man eine Aufschlüsselung darüber, woher die Vorfahren einst gekommen sind. Ungefähr bis 2000 Jahre zurück und prozentual nach Regionen ausfgedröselt. In meinem Fall sind es inzwischen mehr als tausend Menschen rund um den Erdball, die ich quasi als neue Verwandte bezeichnen darf. So konnte ich beispielsweise herausfinden, wo meine Krämervorfahren, die um 1850 im Rudel aus der Pfalz in die USA, nach Australien und Neuseeland ausgewandert sind, landeten und wo es heute mit mir verwandte Nachfahren gibt. Väterlicherseits besitze ich Dokumente und Daten von Urahnen, die etwa 350 Jahre zurückreichen. Mütterlicherseits geht die Sache sogar noch weiter zurück, denn eine Urur...oma namens Agnes, die sich in Brabant einst (ich vermute mal, weil sie sich nicht standesgemäß hatte verheiraten lassen) nachdem sie das gräfliche Schloss ihrer Eltern verlassen hatte, einer Truppe fahrender Gaukler und Musikanten um einen meiner männlichen Urahnen angeschlossen hatte. Ihr bis ins ganz frühe Mittelalter zurückreichender Stammbaum ist noch erhalten. Ich wusste, dass ich neben deutschen Vorfahren auch nicht wenige aus Benelux und Frankreich habe (mütterlicherseits) und auf meines Vaters Seite zu einem Teil schwedisch-isländischer Abstammung bin. All dies hat der Test auch bestätigt. Allerdings hat er auch einen Prozentsatz afrikanischer DNA aufgeführt. Und das hat mich erst einmal irritiert. Wieso Afrika (konkret die heutige Region Nigeria, Kamerun, Benin)? Ich bin recht hellhäutig, habe blaue Augen und war bis zum Eintritt in die Pubertät hellblond. Dies ließ mir keine Ruhe und ich habe die vorhandenen Stammbäume jener neuen DNA-Verwandten mit ebenfalls Afrika-Erbgut durchforstet und nach einem gemeinsamen Nenner gesucht. Tatsächlich habe ich ihn gefunden. Ende des 18. Jahrhunderts kam ein schwarzer Sklave von der Karibikinsel St. Croix mit seinen dänischen "Besitzern" nach Kopenhagen. Er hieß Hans Jonathan und flüchtete sich, um nicht in die Sklaverei zurückgeschickt werden zu müssen, in eine Dienstverpflichtung beim dänischen Militär. Nach Ableistung des Dienstes wanderte er nach Island aus, wo er als nachweislich erster dunkelhäutiger Mensch wohlwollend aufgenommen wurde, als Hafenmeister tätig war und eine Familie gründete. Viele Nachfahren bewahrten sich das Wissen um ihren Ahnen bis heute, mittlerweile sind es um die 800. Eine Isländerin aus dieser Familie war meine Ur-Ur-Oma. Als die isländische Regierung vor einigen Jahren im Rahmen eines groß angelegten Projektes allen Einwohnern des Landes DNA-Tests ermöglichte, wurden diese Verwandtschaftsverhältnisse ganz offiziell. Ich habe davon bislang nichts gewusst, das ist jetzt anders. Spannend, finde ich. Und ein deutlicher Hinweis darauf, dass unsere Welt und wir selbst oftmals viel bunter sind, als wir je geglaubt haben.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/genprojekt-in-island-die-wundersame-geschichte-des-hans-jonathan-a-1198637.html